Wissen · Alkohol

    Bier ist kein
    Sportgetränk.

    Der Satz ist schnell gesagt und meist schlecht belegt. Also belegen wir ihn ordentlich : über den Natriumgehalt und über Studien, die tatsächlich Bier verwendet haben. Unterwegs stellt sich heraus, dass drei überall kursierende Behauptungen nicht tragen.
    40 mg/l
    Natrium im Bier, gegen rund 390 bis 420 im Sportgetränk
    10 g
    Ein deutsches Standardglas, gegen 14 Gramm in den USA
    1988 IARC
    Das Jahr der Einstufung alkoholischer Getränke, nicht 2012
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    Alkohol ist eines der Themen, bei denen die verbreiteten Behauptungen und die tatsächliche Beleglage am weitesten auseinanderliegen, und zwar in beide Richtungen. Es gibt die Fassung, die das Bier nach dem Training zum Regenerationsgetränk erklärt, und es gibt die Fassung, die jeden Schluck neben Asbest stellt. Keine von beiden übersteht einen Blick in die Quellen. Deshalb hier zuerst die Mechanik : wie der Körper Alkohol abbaut, warum das Zwischenprodukt wichtiger ist als der Alkohol selbst, und warum Bier beim Rehydrieren aus Gründen scheitert, die mit Statistik nichts zu tun haben.

    Der Abbau in zwei Schritten

    Ethanol, Acetaldehyd, Acetat

    Der Weg ist kurz, und das Interessante sitzt in seiner Mitte. Ethanol selbst ist chemisch vergleichsweise unauffällig. Was der Körper im ersten Schritt daraus macht, ist es nicht.

    Schritt

    Ethanol

    Der Abbau läuft überwiegend in der Leber. Das Enzym Alkoholdehydrogenase nimmt dem Ethanol zwei Wasserstoffatome ab.

    Schritt

    Acetaldehyd

    Es entsteht Acetaldehyd, das reaktionsfreudige Zwischenprodukt. Es bindet an Proteine und an die DNA. Genau dieser Stoff, nicht das Ethanol selbst, trägt den Krebsbefund.

    Schritt

    Acetat

    Die Aldehyddehydrogenase wandelt Acetaldehyd zu Acetat um, das der Körper weiterverwerten kann. Wie schnell dieser zweite Schritt läuft, ist genetisch verschieden.

    Aus dieser Kette folgen zwei Dinge. Erstens ist die Belastung nicht konstant : Sie hängt davon ab, wie schnell der zweite Schritt das Zwischenprodukt wegräumt. Zweitens ist der Stoff, auf den die Krebsforschung zeigt, genau dieses Zwischenprodukt. Deshalb ist die Rötung, die manche Menschen schon nach kleinen Mengen bekommen, keine Kuriosität, sondern ein Signal : Sie zeigt an, dass das zweite Enzym langsam arbeitet und sich Acetaldehyd staut. Wer das an sich kennt, weiß damit etwas über die eigene Enzymausstattung, nicht über eine Erkrankung.

    Was die IARC tatsächlich eingestuft hat

    Beweislage, nicht Gefahrenhöhe

    Hier haben sich zwei Fehler so weit eingebürgert, dass sie eine ausdrückliche Korrektur wert sind. Die Einstufung stammt von 1988, aus Monographie Band 44, und eingestuft wurden alkoholische Getränke, nicht Ethanol als Stoff. Der Wortlaut ist eindeutig : Es gibt ausreichende Belege für die Krebserzeugung durch alkoholische Getränke beim Menschen. Die Bände 96 und 100E haben die Einstufung später bestätigt und um Acetaldehyd erweitert, soweit es mit dem Konsum alkoholischer Getränke verbunden ist.

    Der zweite Fehler wiegt schwerer. Gruppe 1 sagt, wie sicher die Belege dafür sind, dass ein Stoff überhaupt Krebs erzeugen kann. Sie sagt nichts darüber, wie hoch das Risiko bei einer bestimmten Menge ist. Die IARC schreibt das selbst in ihren eigenen Fragen und Antworten. Der Satz, Alkohol stehe in derselben Gruppe wie Asbest und sei deshalb genauso gefährlich, ist damit keine Übertreibung, sondern ein Kategorienfehler : Er liest eine Aussage über die Sicherheit der Beweislage als Aussage über die Höhe eines Risikos.

    Die Einstufung beantwortet das Ob, nicht das Wie viel. Das sind zwei verschiedene Fragen.

    Warum Bier beim Rehydrieren scheitert

    Eine Frage des Natriums

    Beim Rehydrieren geht es nicht um die Menge allein. Ob der Körper Flüssigkeit behält, hängt wesentlich davon ab, ob das mit dem Schweiß verlorene Natrium mitkommt. Und genau hier verliert Bier, und zwar nicht knapp.

    Natrium je Liter
    FlüssigkeitNatrium
    Bierrund 40 mg
    Sportgetränkrund 390 bis 420 mg
    Schweißrund 460 bis 1.840 mg, typisch 990 bis 1.240

    Bier-Wert aus USDA FoodData Central (FDC 168746) und dem Bundeslebensmittelschlüssel (BLS P163000), zwei unabhängige Quellen mit identischem Wert. Sportgetränk aus USDA FDC 175108 und 173660. Schweiß-Natrium nach Baker et al. 2019, umgerechnet mit 22,99 mg je mmol.

    Ein Sportgetränk enthält rund das Zehnfache des Bier-Natriums, Schweiß das Zwölf- bis Sechsundvierzigfache. Damit erledigt sich die Vorstellung, Bier ersetze Elektrolyte. Die Interventionsdaten zeigen in dieselbe Richtung : In einer Studie mit echtem Bier war die Urinausscheidung nach Belastung signifikant höher als mit Wasser, 1.218 gegen 774 Milliliter. Und die Gegenprobe ist der aufschlussreichste Teil : Bier wird erst dann rehydrationstauglich, wenn man den Alkohol senkt und Natrium zusetzt. Dann ist es aber nicht mehr das Getränk, um das es ging.

    Korrektur

    Die Studie, die für diesen Punkt fast überall zitiert wird, trägt ihn nicht. Shirreffs und Maughan 1997 gilt als die Bier-Studie, geprüft wurde aber alkoholfreies Bier mit wieder zugesetztem Alkohol, an sechs Probanden, und die Unterschiede waren nicht statistisch signifikant : Urinvolumen p = 0,307, und die Nettobilanz unterschied sich zu keinem Zeitpunkt. Die Autoren selbst schreiben, Getränke mit vier Prozent Alkohol neigten dazu, die Erholung zu verzögern. Wir benennen das, weil die Schlussfolgerung stimmt und der übliche Beleg dafür nicht. Unser eigenes Behauptungs-Register trägt ein Suchmuster, das anschlägt, falls diese Arbeit hier je wieder als Bier-Beleg auftaucht.

    Ein Befund gehört an dieser Stelle dazu, der in die Gegenrichtung zeigt, denn ihn wegzulassen würde die Sache überzeichnen. Die harntreibende Wirkung von Alkohol ist abgeschwächt, wenn der Körper bereits Flüssigkeit verloren hat. Im hypohydrierten Zustand war der Unterschied in der Urinausscheidung zwischen alkoholischem und alkoholfreiem Getränk klein und nicht signifikant, im gut hydrierten Zustand dagegen deutlich. Alkohol nach Belastung wirkt also nicht wie ein Hahn, der einen leerlaufen lässt. Das Natrium-Argument bleibt ; das Ausschwemm-Argument ist schwächer, als es meist erzählt wird.

    Alkohol und Muskelaufbau

    Gedämpft, nicht abgeschaltet

    Die bekannteste Arbeit dazu liess acht körperlich aktive Männer eine Einheit aus Kraft- und Ausdauertraining absolvieren und mass anschließend über mehrere Stunden die myofibrilläre Proteinsynthese. Gegenüber Protein allein lag die Rate um 24 Prozent niedriger, wenn Alkohol zusammen mit Protein aufgenommen wurde, und um 37 Prozent niedriger mit Kohlenhydrat statt Protein.

    Zu diesen Zahlen gehören zwei Sätze, die üblicherweise fehlen. Alle drei Bedingungen lagen weiterhin über dem Ruhewert, Alkohol hat die Antwort also gedämpft und nicht abgeschaltet. Und die Dosis betrug 1,5 Gramm je Kilogramm Körpergewicht, bei einem 79 Kilogramm schweren Teilnehmer also rund 119 Gramm Reinalkohol, zwölf Standardgetränke plus minus zwei. Das ist ein Rauschtrinken-Szenario. Der Übertrag auf ein Glas Wein nach dem Training ist von dieser Arbeit nicht gedeckt, und acht männliche Teilnehmer sind ohnehin eine schmale Grundlage.

    Was ein Standardglas ist

    Und warum es je nach Land verschieden ist

    Die meisten Zahlen zu diesem Thema stammen aus englischsprachiger Literatur und rechnen in US-Drinks. Ein US-Standardgetränk enthält 14,0 Gramm reinen Alkohol. Das deutsche Standardglas liegt bei rund 10 bis 12 Gramm : ein kleines Bier von 0,25 Litern sind etwa 10 Gramm, ein Glas Wein von 0,125 Litern etwa 11, ein doppelter Schnaps von 4 Zentilitern etwa 12.

    Ein US-Drink ist damit rund 20 bis 40 Prozent größer. Wer eine Zahl aus US-Literatur ungerechnet übernimmt, untertreibt die Menge systematisch. Das ist keine Pedanterie : Es ist der Grund, warum dieselbe Studie je nach Erzähler mit unterschiedlichen Schwellen zitiert wird.

    Was alkoholfrei tatsächlich heißt

    0,5 Volumenprozent

    Alkoholfreies Bier darf in Deutschland bis zu 0,5 Volumenprozent Alkohol enthalten. Was die meisten überrascht, ist die Rechtsgrundlage : Es gibt weder eine EU-Verordnung noch eine nationale Verordnung, die den Begriff definiert. Die Grenze ist Verkehrsauffassung und wird von der Lebensmittelüberwachung so angewendet. Eigene Untersuchungen einer amtlichen Untersuchungsstelle fanden bei dreizehn Proben Werte zwischen 0,1 und 0,37 Volumenprozent.

    Der einzige harte Rechtsanker ist die EU-Lebensmittelinformationsverordnung : Der Alkoholgehalt muss erst oberhalb von 1,2 Volumenprozent angegeben werden, weshalb auf alkoholfreien Bieren keine solche Zahl steht. Was die Grenze praktisch bedeutet, rechnet man am besten einmal aus : Ein halber Liter mit 0,5 Volumenprozent ergibt knapp 2 Gramm Ethanol, gegenüber 10 bis 12 Gramm im deutschen Standardglas. Die Angabe 0,0 Prozent ist eine freiwillige ohne gesetzliche Definition, eingeführt zur Abgrenzung von der Kategorie bis 0,5.

    So weit die Mechanik. Jetzt der Teil mit den Zahlen.

    Von der Mechanik zur Datenlage

    Alles bisher lässt sich über Physiologie, Chemie und einen Blick aufs Etikett klären. Nicht beantwortet ist damit die Frage, die die meisten tatsächlich haben : wie viel wie riskant ist, und was aus dem viel zitierten Satz wird, ein wenig Alkohol sei gut fürs Herz. Diese Frage lässt sich nicht aus der Mechanik beantworten. Sie braucht die Daten, und die sind unordentlicher, als beide Lager sie gern darstellen.

    Weiter im Klientenbereich

    Der zweite Teil ist für Klienten.

    Bis hierher erklärt der Artikel die Mechanik. Ab hier geht es von der Mechanik zu deinen eigenen Werten, und diesen Teil behalten wir den Menschen vor, mit denen wir arbeiten.

    • Die korrigierte Metaanalyse zur Gesamtsterblichkeit : ab welcher Menge ein Effekt überhaupt messbar wird, getrennt nach Geschlecht
    • Warum der Schutzbefund für kleine Mengen verschwindet, sobald man die Vergleichsgruppe sauber bildet
    • Warum relative Risikozahlen für sich genommen nichts aussagen, und wie eine Modellrechnung sie in eine absolute Größenordnung übersetzt
    • Was die genetische Evidenz zeigt und wo sie ausdrücklich keinen Effekt findet
    • Rotwein und Resveratrol : eine abweichende Fachposition, benannt und beantwortet

    Eine Selbstregistrierung gibt es nicht. Der Zugang entsteht aus der Zusammenarbeit ; das Erstgespräch ist kostenlos und unverbindlich.

    Dieser Artikel dient der Aufklärung und ersetzt keine medizinische Beratung. StoaVita bietet Longevity- und Performance-Beratung, keine medizinische Behandlung. Er gibt keine Empfehlung zu Trinkmengen und keine Entwarnung für irgendeine Menge. Der Longevity Check-up ist eine Standortbestimmung aus Messwerten und Lebensführung ; er erkennt keine Krankheiten, er ist keine Krebsvorsorge und er ersetzt keine ärztliche Früherkennung. Wer den eigenen Konsum schwer steuern kann, wer schwanger ist, Medikamente nimmt oder eine Lebererkrankung hat, bespricht das bitte ärztlich und nicht mit uns.

    Messen statt schätzen

    Der Longevity Check-up umfasst rund 70 bis 100 Marker, darunter Entzündung und Fettsäureprofil. Eingeordnet im Zusammenhang, zusammen mit der Frage, wie du tatsächlich lebst.

    Alle Leistungen
    Weiterlesen : wie Omega-3 im Körper wirkt

    Quellen (Primärliteratur)

    1. IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, Vol. 44 : Alcohol Drinking. Lyon 1988. Bestätigt und erweitert in Vol. 96 (2010) und Vol. 100E (2012)
    2. Flores-Salamanca R, Aragón-Vargas LF (2014). Postexercise rehydration with beer impairs fluid retention, reaction time, and balance. Appl Physiol Nutr Metab 39(10):1175-1181. PMID 25041559
    3. Desbrow B et al. (2015). Manipulations to the alcohol and sodium content of beer for postexercise rehydration. Int J Sport Nutr Exerc Metab 25(3):262-270. PMID 25588064
    4. Desbrow B, Murray D, Leveritt M (2013). Beer as a sports drink ? Manipulating beer's ingredients to replace lost fluid. Int J Sport Nutr Exerc Metab 23(6):593-600. PMID 23690556
    5. Hobson RM, Maughan RJ (2010). Hydration status and the diuretic action of a small dose of alcohol. Alcohol Alcohol 45(4):366-373. PMID 20497950
    6. Parr EB et al. (2014). Alcohol ingestion impairs maximal post-exercise rates of myofibrillar protein synthesis following a single bout of concurrent training. PLoS One 9(2):e88384. PMID 24533082
    7. Baker LB et al. (2019). Normative data for regional sweat sodium concentration and whole-body sweating rate in athletes. J Sports Sci. doi:10.1080/02640414.2019.1633159
    8. USDA FoodData Central, FDC 168746 (Bier), 175108 und 173660 (Sportgetränke) ; Bundeslebensmittelschlüssel BLS P163000
    9. Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 (Lebensmittelinformationsverordnung), Anhang XII ; CVUA Stuttgart (2004), Sind alkoholfreie Biere wirklich alkoholfrei ?
    10. BZgA / drugcom.de, Standardglas ; NIAAA, Rethinking Drinking (US-Standardgetränk 14,0 g)